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Trauer und Demenz Wo Erinnerung verblasst, bleibt Beziehung

vor 9 Stunden
4 Min. Lesezeit
Magdeburg 16.10.2026
Magdeburg 16.10.2026

Mein Vortrag auf dem Alzheimer-Kongress am 16. Oktober 2026 in Magdeburg

Was geschieht mit Trauer, wenn ein Mensch seine Erinnerungen zunehmend verliert? Verschwindet mit der Erinnerung auch das Gefühl des Verlustes?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt meines Vortrags am 16. Oktober 2026 auf dem Alzheimer-Kongress in Magdeburg.

Unter dem Titel „Demenz und Trauer – Wo Erinnerung verblasst, bleibt Beziehung“ habe ich den Blick auf einen Bereich der Demenzbegleitung gerichtet, der aus meiner Sicht noch viel zu wenig Beachtung findet: die emotionale Welt der Menschen mit Demenz.

Mir ging es dabei vor allem um einen Perspektivwechsel. Weg von der ausschließlichen Betrachtung der Symptome und Einschränkungen – hin zu den Gefühlen, Bedürfnissen und Lebenserfahrungen, die hinter einem Verhalten stehen können.

Wenn Gefühle bleiben, aber Worte fehlen

Menschen mit Demenz erleben Verluste auf vielen Ebenen. Sie verlieren vertraute Fähigkeiten, Sicherheiten, Selbstständigkeit und manchmal auch den Zugang zu wichtigen Erinnerungen.

Hinzu kommen Verluste, die bereits lange vor der Erkrankung stattgefunden haben: der Tod eines geliebten Menschen, schmerzhafte Trennungen oder belastende Erfahrungen aus der eigenen Lebensgeschichte.

Doch was geschieht, wenn diese Erfahrungen nicht mehr bewusst eingeordnet oder sprachlich ausgedrückt werden können?

In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie wichtig es ist, die emotionale Ebene nicht aus dem Blick zu verlieren.

Trauer braucht nicht immer eine klare Erinnerung. Ein Gefühl von Verlassenheit, Angst oder Sehnsucht kann bestehen bleiben, auch wenn der Mensch nicht mehr erklären kann, woher es kommt.

Vielleicht sucht eine Bewohnerin immer wieder nach ihrer längst verstorbenen Mutter. Vielleicht möchte jemand dringend nach Hause, obwohl er sich längst in seinem Zuhause befindet. Oder ein Mensch reagiert plötzlich mit Rückzug, Unruhe oder scheinbar unerklärlicher Ablehnung.

Solche Verhaltensweisen werden im Pflegealltag schnell als herausfordernd erlebt.

Doch was verändert sich, wenn ich nicht zuerst frage: „Wie können wir dieses Verhalten abstellen?“, sondern: „Welches Gefühl oder welches Bedürfnis könnte dahinterstehen?“

Anna – eine Geschichte, die neue Perspektiven eröffnet

Ausgangspunkt meines Vortrags war die Geschichte von Anna aus dem Buch „Anna – Aus der Demenz entstiegen“.

Annas Geschichte lädt dazu ein, hinter die sichtbaren Veränderungen einer Demenzerkrankung zu schauen.

Sie zeigt, wie bedeutsam persönliche Lebenserfahrungen, unverarbeitete Verluste, Ängste und menschliche Grundbedürfnisse für das Erleben und Verhalten eines Menschen sein können.

Dabei geht es mir nicht darum, jedes Verhalten psychologisch zu erklären oder vorschnell auf ein früheres Erlebnis zurückzuführen.

Vielmehr möchte ich zu einer Haltung des Verstehens ermutigen: neugierig bleiben, aufmerksam beobachten, behutsam nach möglichen Zusammenhängen suchen und dem Menschen mit seiner ganz eigenen Geschichte begegnen.

Denn eines ist mir besonders wichtig:

Die Diagnose Demenz erzählt niemals die ganze Geschichte eines Menschen.

Trauer betrifft nicht nur Menschen mit Demenz

In meinem Vortrag habe ich auch die Situation der Angehörigen und professionell Begleitenden aufgegriffen.

Angehörige erleben häufig einen schmerzhaften Trauerprozess. Sie müssen Abschied nehmen von vertrauten Rollen, gemeinsamen Gewohnheiten und manchmal von einer Form der Beziehung, die über Jahrzehnte gewachsen ist.

Der geliebte Mensch ist noch da – und zugleich verändert sich das Miteinander.

Diese besondere Form des Verlustes kann Gefühle von Hilflosigkeit, Schuld, Überforderung und tiefer Traurigkeit auslösen.

Auch Pflege- und Betreuungskräfte begegnen täglich Menschen, deren emotionale Bedürfnisse nicht immer eindeutig erkennbar sind. Sie stehen vor der Herausforderung, in oft anspruchsvollen Alltagssituationen angemessen und einfühlsam zu reagieren.

Deshalb bin ich überzeugt: Eine gute Demenzbegleitung braucht nicht nur Fachwissen über die Erkrankung, sondern auch emotionale Kompetenz, Selbstreflexion und ein tiefes Verständnis für die Bedeutung von Beziehungen.

Vom herausfordernden Verhalten zum verstehenden Begleiten

Ein zentraler Gedanke meines Vortrags war die Veränderung unserer Blickrichtung.

Nicht jedes Verhalten, das uns irritiert, ist ausschließlich Ausdruck der Demenzerkrankung.

Manchmal kann es auch eine Reaktion auf Angst, Unsicherheit, Trauer oder ein unerfülltes Bedürfnis sein.

Diese Perspektive verändert unsere Fragen – und damit auch unser Handeln.

Statt einen Menschen immer wieder mit der Realität zu konfrontieren, möchte ich zunächst versuchen, seine emotionale Wirklichkeit wahrzunehmen.

Statt Unruhe ausschließlich reduzieren zu wollen, frage ich, was Sicherheit vermitteln könnte.

Statt Rückzug sofort als fehlendes Interesse zu verstehen, suche ich nach Möglichkeiten, behutsam Beziehung anzubieten.

Dabei sind es nicht immer große Interventionen, die etwas verändern.

Manchmal ist es eine vertraute Stimme. Ein gemeinsames Lied. Eine Berührung, die willkommen ist. Oder einfach ein Mensch, der bleibt, zuhört und nichts erzwingen möchte.

Beziehung ist eine Ressource

Menschen mit Demenz verlieren im Verlauf ihrer Erkrankung unterschiedliche kognitive Fähigkeiten. Doch daraus folgt nicht, dass ihre emotionale Erlebnisfähigkeit im gleichen Maße verschwindet.

Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Sicherheit und menschlicher Nähe bleibt bedeutsam.

Genau darin sehe ich eine wichtige Ressource für die Begleitung.

Wenn es gelingt, die emotionale Ebene stärker einzubeziehen, können neue Zugänge entstehen – auch dort, wo Worte nicht mehr ausreichen.

Das bedeutet nicht, dass jede Trauer aufgelöst oder jede belastende Situation verändert werden kann.

Aber wir können dazu beitragen, dass Menschen mit ihren Gefühlen nicht allein bleiben.

Was ich vom Alzheimer-Kongress mitnehme

Mit meinem Vortrag wollte ich dazu ermutigen, Trauer im Zusammenhang mit Demenz bewusster wahrzunehmen und Verhaltensweisen nicht ausschließlich unter dem Blickwinkel von Symptomen und Einschränkungen zu betrachten.

Die Geschichte von Anna hat mir dafür einen besonderen Zugang eröffnet.

Ich wünsche mir, dass wir in der Begleitung von Menschen mit Demenz häufiger innehalten und uns fragen:

Was könnte dieser Mensch gerade empfinden? Was braucht er? Und wie kann ich ihm begegnen, ohne seine Würde und Selbstbestimmung aus dem Blick zu verlieren?

Meine zentrale Botschaft lautet:

Wir müssen nicht jede Erinnerung zurückholen können, um einem Menschen emotional nahe zu sein.

Entscheidend ist für mich, dass wir den Menschen hinter der Erkrankung weiterhin sehen – mit seiner Geschichte, seinen Gefühlen, seinen Bedürfnissen und seiner Würde.

Denn wo Erinnerung verblasst, kann Beziehung weiterhin Halt geben.

Der Vortrag „Demenz und Trauer – Wo Erinnerung verblasst, bleibt Beziehung“ fand am 16. Oktober 2026 auf dem Alzheimer-Kongress in Magdeburg statt. Grundlage war unter anderem die Geschichte von Anna aus dem Buch „Anna – Aus der Demenz entstiegen“.

 
 
 

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